Steuergerechtigkeitscheck Oktober 2026 – Vergesellschaftung als Alternative zu Steuern?

In unserem aktuellen Jahrbuch Steuergerechtigkeit zeigen wir, wie man mit vergleichsweise kleinen und gezielten Reformen das Steuersystem um 100 Milliarden Euro gerechter machen könnte. Die Eigentumsverhältnisse würden sich dadurch aber kaum verändern. Das trauen wir dem Steuersystem nicht zu. Zwei aktuelle Ereignisse geben uns einen guten Anlass, darüber nochmal nachzudenken und zu diskutieren:
- In Berlin haben knapp die Hälfte der jungen Wählerinnen für die Linke gestimmt und damit auch die Eigentumsverhältnisse grundlegend in Frage gestellt. Eine von ihnen erklärt im Spiegel sehr eindrücklich warum. Gleichzeitig zeigt eine neue Studie, wie stark diese Vermieter bisher steuerlich privilegiert werden.
- Der Global Justice Report des World Inequality Lab rechnet vor, was nötig wäre, um die Welt in 80 Jahren gerecht zu machen. Ihr Ergebnis: Eine globale Vermögensteuer von bis zu 20 Prozent. Das hat mit unserem bisherigen Verständnis von “Steuer” aber viel weniger zu tun als mit radikaler Vergesellschaftung.
Darüber haben wir in unserem Podcast dieses Mal mit Professor Eichfelder gesprochen (auf Spotify, YouTube und Apple Podcast).
Unser Thema/Unsere Zahl des Monats
20 Prozent Milliardärsteuer?
Der Global Justice Report des World Inequality Lab hat berechnet, wie die Welt in den nächsten 80 Jahren zu einer nachhaltigen (1,8 Grad Erwärmung) und gerechten werden könnte. Das durchschnittliche Einkommen würde dann in allen Ländern 5.000 Euro im Monat betragen, knapp über dem heutigen Niveau in Europa und Nordamerika. Die höchsten Einkommen wären nach Steuern nur noch 5-mal höher als die niedrigsten, die ärmere Hälfte würde 30 Prozent des Vermögens besitzen und die Menschen müssten nur noch 1.000 statt 3.000 Stunden pro Jahr arbeiten. Um dieses Ziel zu erreichen, schlägt der Bericht zwei globale Steuern auf hohe Vermögen und Einkommen vor, die zusätzlich zu den nationalen Steuersystemen erhoben und deren Einnahmen entsprechend der Bevölkerungszahl zwischen den Ländern verteilt werden sollen.
- Eine Vermögensteuer würde ab 1,1 Millionen Euro starten und bei einem Vermögen von über 550 Millionen Euro auf bis zu 20 Prozent steigen. Sie könnten einen Teil der Steuer mit Unternehmensanteilen bezahlen. Für Vermögen über 11 Millionen Euro würden 5 Prozent fällig, was dafür sorgen dürfte, dass sie im Schnitt nicht weiter wachsen.
- Eine Einkommensteuer würde ab 150.000 Euro starten und bei Einkommen über 110 Millionen Euro auf bis zu 90 Prozent steigen. Die DAX-Manager mit einem Einkommen über 2,2 Millionen Euro müssten vom versteuerten Einkommen nochmal die Hälfte abgeben.
Als engstes Vorbild für eine solche Steuer führt der Bericht den deutschen Lastenausgleich nach dem Zweiten Weltkrieg ins Feld. Der war aber mit 50 Prozent über 30 Jahre, also 1,7 Prozent pro Jahr weit davon entfernt. Auch wenn Steuer irgendwie gut bekannt und langweilig klingt und weniger radikal erscheint als Vergesellschaftung, ist der Vorschlag letztlich genau das: Eine radikale, aber dringend nötige Vergesellschaftung großer Vermögen.
Unsere Gerechtigkeitslücken
Immobiliensteuern vs. Vergesellschaftung
Eine neue Studie (Eichfelder/Jirmann/da Costa) hat mit 300 realen Beispielen durchgerechnet, wie stark das Steuersystem Immobilieneigentümer bevorzugt und wie man das ändern könnte. Nach dieser Berechnung zahlt der Privatvermieter im Extremfall nicht nur keine Steuern auf seine Mieteinnahmen, sondern er kann den Steuersatz auf sein restliches Einkommen damit noch zusätzlich um zwölf Prozent senken. Das ist nicht nur ungerecht, sondern auch schlecht für die Wirtschaft: Der Staat subventioniert so Spekulation mit Bestandsimmobilien statt Investitionen in Innovation und Wachstum. Selbst wenn man die größten Steuerprivilegien für Immobilien – den steuerfreien Verkauf nach zehn Jahren, die faktische Befreiung von der Gewerbesteuer, steuerlich vorteilhafte Abschreibungen sowie Share Deals – streichen würde, würden Immobiliengewinne effektiv weiterhin niedriger besteuert als Arbeitseinkommen und Gewinne aus anderen unternehmerischen Tätigkeiten. Aus Sicht der Autor:innen ist das ein gutes Argument für eine Vermögensteuer.

Im Vergleich zur Vergesellschaftung hätte die Steuer einen großen Vorteil: Sie würde nicht nur einige wenige Großunternehmen treffen, sondern auch die privaten Eigentümer, die bisher am stärksten privilegiert sind und riesige Spekulationsgewinne verbuchen konnten. Aber die Steuer hätte drei wesentliche Nachteile. Erstens senkt sie nicht die Mieten und kommt den Mietern höchstens indirekt zugute. Zweitens funktioniert die Vergesellschaftung auch, wenn die Spekulationsgewinne aus steuerlicher Sicht schon realisiert sind – so wie das bei den meisten vom Berliner Vorschlag betroffenen Wohnungen der Fall ist (mehr dazu hier und im Surplus-Artikel dazu (€). Und drittens kann Berlin darüber nicht allein entscheiden.
Weitere Nachrichten aus unseren Arbeitsgebieten
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- Neue Reichenliste des Manager Magazin: Laut aktueller Liste ist die Zahl der Milliardäre von 256 auf 257 gestiegen und ihr Vermögen von 998 auf 1.094 Milliarden Euro gewachsen. Die Zahl der Auf- und Absteiger und der Neu- und Abgänge hielten sich fast exakt die Waage. Neu sind drei Start-Up Milliardäre und die Familie Böhringer, dafür fehlt der verstorbene Klaus Michael-Kühne. Vier weitere Milliardenvermögen aus dem Vorjahr wurden allem Anschein nach aus methodischen Gründen entfernt.
- BGH stärkt erweiterte Einziehung: Der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass bei einem Kokainhändler gefundenes Bargeld eingezogen werden darf, auch wenn es nicht direkt der beobachteten Straftat zugeordnet werden kann.
- LG Frankfurt könnte für Meta teuer werden: Das Landgericht Frankfurt hat entschieden, dass Meta für über seine Plattformen verbreitete Werbeanzeigen mitverantwortlich ist und unter Umständen Schadensersatz leisten muss. Das ist zwar kein Ersatz für eine Übergewinnsteuer für Digitalkonzerne, aber möglicherweise eine gute Ergänzung.Polen beschließt Übergewinnsteuer für Mineralölkonzerne und finanziert damit das Entlastungspaket.
Steuergesetze im Blick

Das Tabaksteueränderungsgesetz ist im Bundestag angekommen – zeitgleich mit den Kampagnen-Autos der Tabakverbände. Das Kabinett hat die Entwürfe zu Einkommen und Kassenaufzeichnung beschlossen. Aus dem Finanzministerium gibt es einen Entwurf zur Kryptobesteuerung und zur Zuckersteuer – der auf prompte Gegenwehr der Union gestoßen ist – und eine neue Außenprüfungsordnung (Details hier).
Veranstaltungen, Nachrichten und andere Updates zur Arbeit des Netzwerk Steuergerechtigkeit
- Unsere Veranstaltungen:
- 21.10.2026 (Kassel): Wir sprechen mit Anne Brorhilker über Steuergerechtigkeit und Finanzmarkt. Hier anmelden.
- 4.11.2026 (Berlin): Im Anschluss an die Jahresversammlung des Netzwerks wollen wir wieder mit unseren Unterstützer*innen feiern. Termin schon mal reservieren, Einladung folgt in Kürze.
- In der Presse:
- Aspekte (ZDF) hat sich 45 Minuten mit den Superreichen beschäftigt. Unser Highlight in einem insgesamt sehenswürdigen Beitrag: Martyna Linartas erklärt, warum es keinen Grund gibt, sich vor Steuerflucht zu fürchten – einschließlich unserer Berechnungen, was das für Susanne Klatten wegen der Wegzugsteuer kosten würde
- Mit dem Radio Dreyeckland haben wir ausführlich über Übergewinne und deren Besteuerung gesprochen – mehr demnächst mit unserer neuen Studie.
- Julias Buch Blackbox Steuerpolitik ist aktuell bei der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen und kann dort für 5 Euro bestellt werden.
- Von unseren Partnern:
- Das Buch “Starke Kommunen – Das Herz der Demokratie schlägt vor Ort” ist im Oekom Verlag erschienen (14 €). Zentraler Vorschlag: Der Anteil der Kommunen an den Staatsausgaben soll durch Dezentralisierung mehr als verdoppelt werden. Die Einkommensteuer soll Haupteinnahmequelle der Kommunen werden – mit einem verbesserten Finanzausgleich. Dafür soll die Vermögensteuer wieder erhoben werden.
Buchvorstellungen können beim Autor Karl-Martin Hentschel angefragt werden: karl.m.hen@gmail.com.
- Das Buch “Starke Kommunen – Das Herz der Demokratie schlägt vor Ort” ist im Oekom Verlag erschienen (14 €). Zentraler Vorschlag: Der Anteil der Kommunen an den Staatsausgaben soll durch Dezentralisierung mehr als verdoppelt werden. Die Einkommensteuer soll Haupteinnahmequelle der Kommunen werden – mit einem verbesserten Finanzausgleich. Dafür soll die Vermögensteuer wieder erhoben werden.

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