Steuergerechtigkeitscheck Februar 2026: Milliardäre im Fokus
Die SPD hat einen Vorschlag veröffentlicht, wie sie Erbschaften in Zukunft besteuern will und damit eine intensive Debatte ausgelöst. Die Linke hat ihren Vorschlag für eine Vermögensteuer durchrechnen lassen und ist auf wenig Widerstand gestoßen. Gabriel Zucman hat seinen Vorschlag für eine Milliardärsteuer ins Deutsche übersetzt, in Berlin vorgestellt und wurde allenfalls dafür kritisiert, mit einem Steuersatz von zwei Prozent zu zurückhaltend zu sein. Wir haben schließlich in unserer neuen Podcastfolge Podcast (Spotify, Apple Podcasts, YouTube) mit Prof. Alexander Thiele über die verfassungsrechtlichen Grenzen der Vermögensbesteuerung gesprochen. Zudem haben wir die Vermögensverhältnisse der reichsten Familie Deutschlands eingehend analysiert. Das Ergebnis ist eindeutig: Eine höhere Besteuerung sehr großer Vermögen ist rechtlich möglich, wirtschaftlich sinnvoll und dringend nötig.
+++Der Erbschaftsteuer-Vorschlag der SPD: Keine Gefahr für den Mittelstand+++Der Vermögensteuervorschlag der Linken: Für Milliardäre fast ohne Kosten+++Die Familie Boehringer/von Baumbach: Eine Milliarde Milliardärsteuer aus der Portokasse+++
Steuern für Gerechtigkeit
Der Erbschaftsteuer-Vorschlag der SPD: Keine Gefahr für den Mittelstand
Mitte Januar haben Abgeordnete der SPD-Bundestagsfraktion das Reformkonzept „FairErben“ vorgelegt. Demnach soll die Befreiung von der Erbschaftsteuer auf 1 Million Euro pro Person (lebenslang) und 5 Millionen Euro für Unternehmen begrenzt werden. Steuersätze hat die SPD dabei noch nicht genannt, nur dass sie progressiv sein sollen. Die Lobbyisten der Erbschaftsteuergegner reagierten trotzdem umgehend, u.a. mit einem CSU-Unternehmer, der in seiner Fabrikhalle den Niedergang des Mittelstands beschwor. Viele ihrer Aussagen halten einem genaueren Blick aber nicht stand. Beim von der SPD vorgeschlagenen Freibetrag könnten nach unserer Schätzung95 Prozent der Unternehmen weiterhin steuerfrei übertragen werden. Deswegen spricht sich auch der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft (BVMW) ganz im Sinne des echten Mittelstands für das SPD-Konzept aus und verweist in seinem Positionspapier darauf, dass die durch die derzeitigen Ausnahmen für Großerwerbe begünstigten Personen “ganz anders als bei KMU – häufig keine persönliche oder operative Verantwortung für das Unternehmensvermögen tragen, sondern lediglich das formale Eigentum innehaben und von den Entnahmen profitieren.”
Die Debatte darüber, ob diese Multimillionäre und Milliardäre zukünftig einen größeren Beitrag leisten sollen und welche Auswirkungen dies auf Investitionen und Arbeitsplätze tatsächlich hätte, hat hoffentlich gerade erst begonnen.
Unternehmer Sebastian Klein hat dazu eine eindeutige Meinung: “Ich als Unternehmer müsste mir eine Firma im Wert von 100 Millionen Euro selbst aufbauen, aus Einkommen, das ich versteuern muss, und über Kredite, für die ich 50 Jahre arbeiten muss. Wenn mir ein Erbe erzählt, er kriegt eine Firma im Wert von 100 Millionen Euro geschenkt und ist nicht bereit, 30 Millionen Erbschaftsteuer über 20 Jahre zu zahlen, soll er sie mir geben. Ich würde sie sofort nehmen. […] Wenn ich einen Anteil an einer Firma erbe, die 100 Millionen Euro wert ist, habe ich viele Möglichkeiten, die Steuer zu bezahlen: aus früheren oder künftigen Gewinnen. Oder ich hole mir mit der Sicherheit der Anteile im Rücken einen günstigen Kredit. Natürlich kann ich mich auch entscheiden, Anteile zu verkaufen, um Liquidität zu schaffen. Das alles sind völlig normale unternehmerische Vorgänge.” (SZ Streitgespräch).
Auch die fachliche Debatte um die Erbschaftsteuer ist mittlerweile in vollem Gange. Die “Wirtschaftsweise” Monika Schnitzer plädiert beispielsweise in einem Beitrag im Wirtschaftsdienst für eine Mindeststeuer von 15 Prozent für Unternehmensvermögen. Weitere Beiträge mit unterschiedlichen Perspektiven finden sich im aktuellen ifo Schnelldienst.
Der Vermögensteuervorschlag der Linken und von Gabriel Zucman

Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat für die Linken die Daten zur Vermögensverteilung aktualisiert und die Einnahmen, Kosten und Verteilungswirkung für verschiedene Vermögensteuervorschläge berechnet.
Der Vorschlag der Linken – ein progressiver Steuertarif von 1 bis 12 Prozent bei einem persönlichen Freibetrag von 1 Mio. Euro sowie einem Freibetrag von 5 Mio. Euro für Unternehmensvermögen – würde rein rechnerisch Einnahmen von 150 Mrd. Euro erzielen. 71 Prozent davon würden Menschen mit Vermögen von mehr als 76 Mio. Euro zahlen (Top 0,01 Prozent). Insgesamt würden aber 1,3 Mio. Menschen steuerpflichtig, wodurch für die Steuerbehörden und Steuerpflichtigen Kosten von etwa 3,2 Prozent entstehen – also etwa so viel wie bei Einkommens- und Umsatzsteuer.
Der Vorschlag von Gabriel Zucman – eine Steuer von zwei Prozent auf Vermögen oberhalb von 100 Mio. Euro – würde demnach ein jährliches Aufkommen von rund 22 Mrd. Euro erzielen, bei etwa 5.000 Steuerpflichtigen und sehr geringen Kosten von lediglich 0,16 Prozent des Aufkommens. Bei einem Steuersatz von 5 Prozent steigen die Einnahmen auf 52 Mrd. Euro. Besteuert man nur die Milliardäre mit nur 2 Prozent, kämen immer noch 7 Milliarden Euro zusammen. Wie stark die von Zucman vorgeschlagene Anrechnung bereits gezahlter Einkommensteuer die Einnahmen verringern würde, konnte Bach mangels Daten nicht ermitteln. Nimmt man die französischen Zahlen von Zucman zur Grundlage, könnten es bis zu 15 Milliarden Euro sein.
In der Presse wurden die potenziellen Einnahmen von rund 150 Mrd. Euro wohlwollend aufgenommen und schon auf die Landeshaushalte verteilt. Über die Frage, ob man Milliardäre wirklich mit 12 Prozent besteuern kann, wurde kaum diskutiert. Prof. Alexander Thiele meint: Verfassungsrechtlich wäre das durchaus denkbar. Stefan Bach vom DIW meint: Politisch muss man das schrittweise angehen und international koordinieren.
Unser Vorschlag für die reichste Familie Deutschlands
Laut Forbes-Magazin hatte die reichste Familie Deutschlands 2025 ein Vermögen von 75 Mrd. Euro. Boehringer Ingelheim, das Unternehmen, aus dem sich ihr Vermögen speist, erwirtschaftet seit Jahrzehnten zuverlässig Milliardengewinne. Es ist gleichzeitig ein riesiges Sparbuch, auf dem sich etwa 17 Mrd. Euro sicher angelegte flüssige Mittel angesammelt haben, und ein Goldesel, der in den letzten zwanzig Jahren etwa 18 Mrd. Euro an die Eigentümer ausgeschüttet hat. Eine Milliardärsteuer von 2 Prozent würde sie etwa 1 Mrd. Euro kosten. Das könnten sie problemlos aus ihren Dividenden und Finanzvermögen finanzieren, ohne ihre Investitionen zu reduzieren.
Weitere spannende Details zum Vermögen der Familie und dessen Geschichte finden sich in unserer neuen Fallstudie für das Surplus-Magazin. Besonderes Fundstück unserer Recherche: Der Auftritt des Steuerberaters der Familie im Bundestag und sein Argument gegen eine konsequente Bekämpfung von Cum-Cum-Geschäften: “Allerdings stellt die geplante Neuregelung zu cum/cum-Geschäften gerade auch Spezialfonds wie diejenigen, in die unsere Häuser investiert haben, vor konkrete Probleme”.
Weitere Nachrichten:
- Wenig Fortschritt in New York: In den letzten zwei Wochen wurde in New York weiter an der UN-Steuerrahmenkonvention verhandelt. Der deutsche Vertreter machte sich eher für unverbindliche und inkrementelle Veränderungen am jetzigen System stark. Der Weg zur Steuerrevolution bleibt lang. Das Tax Justice Network hat den Stand der Verhandlungen detailliert und übersichtlich aufbereitet (in Englisch). Bei unserer Online-Veranstaltung am 18. Februar geben wir einen Über- und Ausblick (hier geht’s zur Anmeldung)
- Neue Zahlen zur Steuersenkung für die Gastronomie: Das Beratungsunternehmen Meoton hat mehr als 200.000 Preise von über 30.000 Gastronomiebetrieben von Mitte Dezember 2025 und Mitte Januar 2026 verglichen. Die große Mehrheit der Gastronomen hat die Preise nicht gesenkt. Insgesamt sind die Preise für Speisen um 0,1 Prozent und für Getränke (ohne Steuersenkung) um 0,2% gestiegen. Die Steuererhöhung 2024 wurde dagegen sehr schnell weitergereicht. Laut einer Umfrage von NDRfragt befürwortet übrigens die Mehrheit der Befragten die Steuersenkung, nimmt aber ebenfalls keine Preissenkung wahr.
- Neuer Sündensteuervorschlag: Zur Finanzierung der Krankenkassen schlägt Kassenärzte-Chef Andreas Gasseneine pauschale Abgabe von 2 Euro pro Flasche Wein oder 2 Euro pro Schachtel Zigaretten vor.
- Cum-Ex-Update: Statt der versprochenen Beschleunigung läuft am Landgericht Bonn aktuell kein einziger Cum-Ex-Fall. Das Handelsblatt rechnet 2026 nur mit zwei Verfahren. Die StA Köln bearbeitet demnach zurzeit vor allem die unteren Hierarchieebenen und wirkt mit den Ermittlungen “massiv überfordert”.
- Ersparte Aufwendungen verständlich erklärt: Seit knapp 4 Jahren weisen wir das Justizministerium gemeinsam mit vielen Ermittlern von Steuerbehörden, Zoll und Staatsanwaltschaften auf eine große Lücke in der Geldwäschebekämpfung hin: Ersparte Aufwendungen durch Steuerhinterziehung gelten nicht als schmutziges Geld. Die Begründung ist für den Laien absurd. Für die WirtschaftsWoche hat Anne Brorhilker das jetzt nochmal schön erklärt.
- Der Leiter der koreanischen Steuerbehörde hat das Steuerflucht-Argument mit Zahlen und Fakten widerlegt:Über die letzten drei Jahre sind dort trotz hoher Erbschaftssteuern nur 139 Personen mit einem Vermögen von mehr als 1 Mio. US-Dollar ausgewandert, und von diesen sind nur 25 Prozent in Länder ohne Erbschaftsteuer gezogen. (Mehr dazu bei TJN, und der Post des Leiters der koreanischen Steuerbehörde in der Originalsprache.)
Veranstaltungen
Dortmund:
- 19.02.2026, 18-20.15 Uhr: Tragen starke Schultern (zu) viel? Steuergerechtigkeit angesichts gesellschaftlicher Aufgaben mit Norbert Walter-Borjans und Julia
Online:
- 18.02.2026, 18.30-20 Uhr: Webinar “Tax for the Future!” zu globaler Steuergerechtigkeit und nachhaltiger Entwicklung mit Christoph (Anmeldung)
- 19.02.-20.02.2026: Global Tax Symposium 2026 – University of Ferrara – Programm und Link zum Webstream
- 24.02.2026, 14.30-18.00 Uhr: FISC Public Hearing on “How to address the Equity-Debt Bias in Taxation?” and „Feasibility of a 28th tax regime in supporting EU competitiveness“ – Webstream
- 06.03.2026, 16.30-18 Uhr: „Vermögen gerecht besteuern – was können wir tun?“ mit Julia (Anmeldung)
Hörens- und sehenswert
- Erben, Schenken, Steuern zahlen – Brauchen wir eine Reform? Darüber spricht Julia mit Wirtschaftsweise Monika Schnitzler und dem ZDH-Präsident Jörg Dittrich bei Mitreden! Deutschland diskutiert
- Der Podcast von Handelsblatt Crime beleuchtet das Cum-Ex Verfahren gegen die LBBW (und die Verschonung der Vorstandsebene).
- Warum Gabriel Zucman eine Mindeststeuer für Superreiche fordert, erläutert er ausführlich bei Jung & Naiv – und außerdem im Gespräch mit Jens Südekum, dem Berater von Lars Klingbeil.

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