Steuergerechtigkeitscheck Juni 2026: Jahrbuch Steuergerechtigkeit 2026: 50 Milliarden Euro für alle – statt für Großkonzerne und Superreiche

Jetzt soll es endlich soweit sein: Die Bundesregierung berät über Haushalt, Krankenversicherung, Rente und Steuern und hofft auf einen Sommer der Reformen. In puncto Verteilungsgerechtigkeit gibt es noch viel Diskussionsbedarf.
Die Rentenkommission hat Verteilungsfragen zwischen Arbeit und Vermögen genauso wie zwischen Arm und Reich komplett ausgeklammert und damit den Anspruch ans Steuersystem noch einmal erhöht. Für die im Koalitionsvertrag angekündigte Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen fehlt dort aber schlicht das Geld. Und selbst wenn sich die Koalition auf eine Reform der Einkommensteuer einigt, bleibt nach jetzigem Stand für die Mehrheit unterm Strich wenig übrig: Was an einer Stelle entlastet wird, zahlen sie an anderer Stelle durch Kürzungen sowie höhere Steuern und Abgaben wieder drauf.
Im mittlerweile fünften Jahrbuch Steuergerechtigkeit zeigen wir, wie es anders gehen könnte. Allein das Schließen der drei größten Gerechtigkeitslücken für Großkonzerne und Superreiche bringt nach unserer Schätzung ein Umsteuerungspotenzial von 50 Milliarden Euro. Die Reformen des ersten Regierungsjahres haben das Steuersystem dagegen um 30 Milliarden Euro ungerechter gemacht, weil sie besonders reiche Menschen entlasten.
Mit vielen spannenden neuen Zahlen zur Entwicklung von Ungleichheit und Steuersystem seit 1950 zeigen wir außerdem, warum es so dringend ist, die Gerechtigkeitslücken zu schließen. Im Podcast (Apple Podcasts, Spotify, YouTube) besprechen wir die wichtigsten Erkenntnisse und Neuigkeiten.
Unsere wichtigsten Erkenntnisse
Die Regierung vergrößert die Lücken statt sie zu schließen
Statt die bestehenden Gerechtigkeitslücken anzugehen, hat die Bundesregierung sie im ersten Jahr ihrer Amtszeit um rund 30 Milliarden Euro ausgeweitet: Die schrittweise Senkung der Körperschaftsteuer ab 2028 kostet bis 2032 jährlich 25 Milliarden Euro, die Senkung der Mehrwertsteuer für die Gastronomie weitere 4 Milliarden Euro. Rund 80 Prozent dieser Entlastung geht an die wohlhabendsten 10 Prozent.

Deutschland bleibt Niedrigsteuerland für Vermögen
2010 entsprach das private Vermögen noch dem Vierfachen der Einkommen. Heute liegt es (vor allem durch steigende Immobilienpreise und Aktienkurse) bereits beim Sechsfachen. Gleichzeitig ist die Besteuerung von Eigentum deutlich zurückgegangen: Während Steuern auf Eigentum zu Beginn der Wirtschaftswunderjahre noch rund 10 Prozent des gesamten Steueraufkommens ausmachten, sind es heute nur noch 1,5 Prozent.

Milliardäre zahlen weniger als Durchschnittsverdiener
Lag der effektive Steuersatz für Milliardäre 1996 noch bei rund 60 Prozent, beträgt er heute nur noch etwa 29 Prozent. Durch die bereits beschlossene Senkung der Körperschaftsteuer sinkt er bis 2032 um weitere fünf Prozentpunkte. Eine Milliardärsteuer würde dem Staat hingegen zusätzliche Einnahmen von schätzungsweise 10 bis 30 Milliarden Euro pro Jahr ermöglichen.

Steuererlasse von 3,4 Milliarden Euro für 45 große Erbvermögen
Auch bei der Erbschaftsteuer profitieren die größten Vermögen von weitreichenden Ausnahmen: 2024 wurden in 45 Fällen insgesamt 3,4 Milliarden Euro an Erbschaftsteuer erlassen. Dadurch lag die effektive Steuerbelastung im Durchschnitt bei nur 2,5 Prozent. Allein dieses Steuergeschenk kostete jede erwachsene Person in Deutschland rund 50 Euro.

Google, Microsoft und Co. zahlen nur 3,2 Prozent auf ihre deutschen Gewinne
Microsoft, Apple, Alphabet, Amazon und Meta erzielten 2025 in Deutschland geschätzt rund 20 Milliarden Euro Gewinn, zahlten darauf aber nur etwa 560 Millionen Euro Steuern. Eine Digitalsteuer von 10 Prozent würde rund 6 Milliarden Euro zusätzlich einbringen.
50 Milliarden Euro weiteres Umsteuerungspotenzial
Zusätzlich zu den drei Kernlücken haben wir im Jahrbuch Steuergerechtigkeit ein weiteres Umsteuerungspotenzial von rund 50 Milliarden Euro identifiziert: Deutschland besteuert umweltschädliches Verhalten und ungesunden Konsum deutlich niedriger als viele EU-Länder. Privatjet-Flüge sind in Deutschland steuerlich günstiger als Economy-Tickets, SUV-Dienstwagen werden sogar subventioniert. Zusammen mit einer reformierten Umsatzsteuer und konsequenterer Bekämpfung von Steuerkriminalität ergibt sich ein zusätzliches Umsteuerungspotenzial von etwa 50 Milliarden Euro.
Nach dem Jahrbuch ist vor dem Jahrbuch
- Unsere Sammlung der Gerechtigkeitslücken: Das Jahrbuch ist ein fortlaufender Lernprozess. Bestes Beispiel dafür: Von einem aufmerksamen Leser haben wir gerade einen spannenden Hinweis auf eine neue Gerechtigkeitslücke erhalten: Luxemburg beteiligt Grenzkommunen wie Trier oder Saarlouis nicht an den Steuereinnahmen von den Pendlern. Gemeinsam mit französischen Partnern fordern sie seit Jahren, dass sich das ändert. Die Schweiz beteiligt dagegen die Nachbarn von Genf bereits heute. Herzlichen Dank. Wir schauen uns das genauer an! Falls Ihnen im Jahrbuch auch eine Gerechtigkeitslücke fehlt, schreiben Sie uns gerne an info@netzwerk-steuergerechtigkeit.de!
- Unser Angebot an Sie: Zu jedem der Gerechtigkeitsindikatoren gibt es einen laufend aktualisierten Datensatz. Damit wollen wir Journalist*innen das ganze Jahr eine Hilfestellung für ihre Berichterstattung zu den unterschiedlichen Themen bieten – so wie das in diesem sehenswerten Monitor-Beitrag zu den Digitalkonzerne vor wenigen Tagen der Fall war (unser Indikator ab Minute 14) – oder im aktuellen SZ-Interview von Julia zu Sparprivileg der Superreichen und Steuersystem. Und wir stellen die Daten gerne auch Ihnen für Ihre Arbeit zur Verfügung. Schreiben Sie uns dazu einfach kurz ihr Anliegen bzw. Ihre Frage an info@netzwerk-steuergerechtigkeit.de.
- Weiterführende Informationen: Viele unserer Daten zum Umsteuerungspotenzial und den Verteilungswirkungen von verschiedenen Reformen stammen von Stefan Bach und vom DIW. Passend zur aktuellen Debatte haben die gerade noch einmal eine umfassende Übersicht veröffentlicht 180 Milliarden Euro Einsparpotenzial und auch die Einkommensteuerdebatte nochmal aufbereitet: https://bsky.app/profile/sbachtax.bsky.social/post/3moi2k23bvk2k

Das vollständige Jahrbuch Steuergerechtigkeit 2026
Hier finden Sie alle Analysen, Gerechtigkeitsindikatoren und politische Empfehlungen im Detail, im kostenlosen PDF-Download.
Falls Sie Interesse an den Daten zu den Gerechtigkeitsindikatoren, Fragen oder neue Gerechtigkeitslücken für uns haben, schreiben Sie uns an info@netzwerk-steuergerechtigkeit.de.
Veranstaltungen
Berlin
- 03.07.2026, 17.50-18.50 Uhr: Diskussion bei der Geldwäsche-Konferenz der Linksfraktion im Bundestag, mit Christoph – Anmeldung und weitere Informationen
- 03.07.2026, 18 Uhr: Dynastien oder Demokratie: Ein Gespräch über eine gerechtere Besteuerung von Erbschaften, Humboldt Forum Wirtschaft, mit Julia

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